Wanderungen eines Iraners durch Europa

Vor ein paar Jahren in der Bolschaja Dorogomilowskaja-Straße: Es war ein ganz gewöhnlicher Tag in meinem Korrespondentenleben in Moskau. Ich hatte schon beim Frühstück die russischen Nachrichten gecheckt, um zu erfahren, was dieser Tag in der russischen Hauptstadt bringen wird. Die zwei Stunden Zeitunterschied zwischen Moskau und Berlin waren ein kleiner Heimvorteil für den Korrespondenten. Wenn ich um acht Uhr morgens die ersten Berichte im russischen Fernsehen sah, in den Zeitungen blätterte und das Internet durchforstete, war es in Berlin erst sechs Uhr in der Frühe. Ich hatte also einen kleinen zeitlichen Vorsprung, bevor die Heimatredaktion erwachte.

Den nutzte ich, um meine Themenvorschläge für die nächste Ausgabe zu übermittelt. Danach trat kurzzeitig etwas Ruhe ein im ansonsten meist hektischen Tagesverlauf. Jetzt lag der Ball im Feld der Kollegen in Berlin, die in ihrer Planungsrunde besprachen, welcher meiner Vorschläge tags darauf im Blatt stehen sollte.

Nun war Zeit, mit dem Iraner zu sprechen, der sich tags zuvor zu einem Treffen angesagt und eine interessante Geschichte in Aussicht gestellt hatte. Der kam mit seinem griechischen Schulfreund. Beide berichteten von dem Versuch einer staatlichen Institution, in diesem Falle des Verteidigungsministeriums, sich in der Provinzstadt Iwanowo illegal ein bekanntes Schulinternat anzueignen. Auf Kosten der dort lernenden und teils auch lebenden Schüler. Das „Interdom“ war einst von der Komintern gegründet worden. Es existierte auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch, lief nun aber Gefahr, den Militärs in die Hände zu fallen. Meine beiden Gäste waren einst Zöglinge dieser Einrichtung und fühlten sich ihr noch immer tief verbunden.

Aus dem Zeitungsartikel wurde später nichts, aber wir sahen uns fortan öfter, wir wurden Freunde. Gern und lebhaft erzählte mein neuer Freund bei diesen Gelegenheiten aus seinem bewegten Leben, gab immer wieder neue Geschichten, Anekdoten und Histörchen zum Besten. Er erzählte über sein Schülerdasein in Berlin (Ost) und darüber, wie er in kindlicher Naivität Warnraketen an der Ostberliner Mauer auslöste. Abendfüllend waren seine Berichte über den Alltag in dem Internat in Iwanowo mit der dort obwaltenden militärischen Disziplin und den freiwilligen Partisanenübungen, über seine Abenteuer während der islamischen Revolution in Teheran, seine Ausweisung aus der DDR und das Studentenleben in Westberlin. Seine Berichte über die Versorgung der Solnzewo-Mafia mit belgischem Wodka waren ebenso surreal und wie wahr.

Dieses Leben schrie förmlich danach, aufgeschrieben zu werden. Doch das wollte Bahram, der Iraner, nicht: Er wollte nicht zum „Helden“ eines Buches werden. Standhaft weigerte er sich, sein Leben vor der Öffentlichkeit auszubreiten. Das, so meinte er, würde den Eindruck erwecken, als wolle er sich aus dem Kreise seiner Freunde aus dem Interdom in Iwanowo hervorheben, als wolle er eine Sonderrolle beanspruchen, die er nie innegehabt habe. Zu stark wirkte die Sozialisierung in einem einst von der Komintern gegründeten Heim für Kinder kommunistischer Funktionäre, zu tief saß der Kollektivgedanke mit seinen Gruppenzwängen auch dann noch, als Bahram mit dem stalinistischen Erbe längst gebrochen hatte.

Es bedurfte einer langwierigen, geduldigen Überzeugungsarbeit, ehe Bahram sich dann doch mit einer Veröffentlichung einverstanden erklärte. Seine Bedingung: Sein Name und die Namen seiner Familie und Freunde mussten verfremdet werden. Das ist geschehen, die Klarnamen sind dem Autoren allerdings bekannt. Er weiß, wie Bahram wirklich heißt. Zum besseren Verständnis der einzelnen biografischen Episoden wurden sie eingebettet in die internationalen politischen Ereignisse des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts.

Das Buch, das ich im Selbstverlag veröffentlicht habe, kann bei Amazon.de geordert werden.

2019-06-07T16:53:06+02:00