Im Koffer steckte vielleicht Honeckers Mega-Chip 2019-02-20T17:27:36+01:00

Im Koffer steckte vielleicht Honeckers Mega-Chip

Die militärische Abwehr der DDR schnüffelte in der Sowjetunion und wurde dabei selbst vom KGB überwacht

Von unserem Korrespondenten Manfred Quiring, Moskau

So stellt man sich Geheimdienstarbeit vor: Ein leerer Koffer wird aus Ost-Berlin, damals noch Hauptstadt der DDR, nach Leningrad geschafft. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen schleicht eine dunkle Gestalt nachts in eines der dortigen Hotels, wo der Austausch erfolgt. Der Mann übernimmt einen Aktenkoffer, der genauso aussieht, aber wohl gefüllt ist. Unverzüglich reist der geheime Bote noch in der gleichen Nacht mit dem „Roten Pfeil“ nach Moskau.

Dort wartet bereits ein Flugzeug, das die Fracht umgehend nach Berlin bringt. „Diese Aktion“, beteuert ein ehemaliger Major des Ministeriums für Staatssicherheit, der in Moskau für die militärische Abwehr der DDR tatig war und sich auch heute noch lieber Müller nennen‘ läßt, „war eine absolute Ausnahme“.

Zwitterstellung in der Moskauer Botschaft

Erst viel später habe er in Berlin erfahren, daß es sich bei dem Koffer- mhalt um „außerordentlich brisantes elektronisches Material, um Chips“, gehandelt hatte, die man den „Freunden“ mit nicht ganz sauberen Methoden entwendet hatte. In der DDR gab es diese Chips noch nicht, sie sollten aber entwickelt werden. Ob es der berühmt-berüchtigte Megabit-Chip war, könne er nicht mit Bestimmtheit sagen. „Aber die Aktion geschah im Winter, und die Ausstellung, auf der der Chip mit großem Pomp vorgestellt wurde, war im darauffolgenden Herbst.“

Muller nahm in der Moskauer DDR-Botschaft, in der er saß, „so etwas wie eine Zwitterstellung“ ein. Administrativ gehörte er zur etwa zwanzig Mann starken Operativ- Gruppe des Ministeriums für Staatssicherheit, „weisungsmäßig nicht. Befehle bekam ich von der Abwehr, der Hauptabteilung I des MfS, die insofern etwas aus dem Rahmen fiel, als sie in die Armee integriert war. In der Armee hieß sie Verwaltung 2000″.

Müller legt großen Wert darauf, seine Tätigkeit als durchaus vergleichbar mit der des MAD zu betrachten. „Ich habe nur das getan, was mein Kollege dort auch macht“, ist er überzeugt. Seme Aufgaben: „Absicherung des Apparates des Militärattaches in der Botschaft gegenüber den Geheimdiensten des dama- hgen Gegners, Kontaktbestrebungen bei Empfangen oder internationalen Begegnungen erkennen, erfassen und bearbeiten.“ Das Mißtrauen, hinter jedem harmlosen Gespräch könnte „ein gegnerischer Angriff“ lauern, bestimmte das Alltagsleben. „Wir gingen davon aus, daß die Militärs im Ausland weit eher angreifbar warenals unter der .Käseglocke zu Hause.“

Folglich ruhte das wachsame Auge der Abwehr auch auf den etwa 1000 Offiziershorern und Offiziersschülern in der Sowjetunion, „verteilt auf etwa 14 Standorte im ganzen Land, runter bis nach Kirgisien“. Vom Oberst bis zum Offiziersschüler hatte der Ex-Major alle „abwehrmäßig zu bearbeiten“, wie es im Geheimdienst-Jargon hieß. „Über 40 IM“ trugen Müller zu, wer

wann und wo mit wem zusammengetroffen war. Vor allem in Moskau, Leningrad und Kiew. „Da ging es nicht nur um Kontakte mit Auslandern schlechthin, sondern auch um ausländische Mihtärhörer beispielsweise aus Libyen, aus dem Nahen Osten, wo auch Abschöpfungsversuche stattfanden, um interessante Details über die Militärtechnik in Erfahrung zu bringen. Absicherung gegenüber Offiziershörern aus der Dritten Welt hieß also der Auftrag.“ Selbst vor dem Kellergeschoß des Moskauer Baumann-Marktes, wo es während der alkoholarmen Zeit in der Sowjetunion immer einen scharfen Tropfen gab, scheuten die Späher nicht zurück.

Es ging immer um «innere „Feinde“

Und das Ergebnis der permanen- •ten Schnüffelei? .Direkte, als geheimdienstlich erkannte Angriffe mit einer gewissen Relevanz gab es meines Wissens in dieser Zeit (1985-90) nicht. Es gab auch keinen strafrechtlichen Fall, nicht einmal im Ansatz, den ich hatte bearbeiten müssen.“ Fünf Jahre bei der militärischen Abwehr in Moskau, aber zum Abwehren gab es nichts? Müller wagt einen Erklärungsversuch. „Im Pnnzip waren wir natürlich ein Spiegelbild des Militärs, des Warschauer Vertrages, und der ist ja auch nie nach außen, sondern immer nur nach innen in Aktion getreten : 1968 in Prag, Anfang der achtziger Jahre beinahe in Polen. Es ging immer nur um innere .Feinde‘. Auch wir in der militärischen Abwehr – es

gab in meinen insgesamt zwanzig Jahren auch hm und wieder echte Spionagefalle – haben vorwiegend nach innen gewirkt. 80, 90 Prozent bestanden in der Kontrolle der sogenannten inneren Sicherheit, und darunter konnte man alles fassen.“

Desillusiomerend sei für ihn die Beschäftigung mit dem Standort der Vereinten Streitkräfte in Moskau auf dem Leningrader Prospekt gewesen. „Ich habe diesen Job hier fünf Jahre gemacht. Wenn man dann merkte, wie dieses .Bündnis‘ tatsächlich aussah, wenn man erst einmal die Verkleidung abgenommen hatte – dann blieb nur die absolute sowjetische Hegemonie.“ Die inoffiziellen Analysen Effizienz der Zusammenarbeit im Warschauer Vertrag, erstellt auch mit Hufe der IM, „mußte man erst einmal verkraften, wenn man mit der heilen Vorstellung von der Gleichberechtigung nach Moskau gekommen war“.

Die einzelnen Staaten wurden beispielsweise sehr unterschiedlich behandelt, wenn es um die Einsicht in eigentlich für alle wichtige Dokumente ging. „Die Rumänen bekamen überhaupt nichts, die Bulgaren dagegen viel. Die DDR-Offiziere haben sich oft durch ihre persönlichen Beziehungen die für sie notwendigen Dokumente beschafft, um einen Blick reinzuwerfen. Von paritätischer Arbeit konnte keine Rede sein.“ Die Reglementierung durch die „sowjetischen Genossen“ ging soweit, daß sie anordneten, „welche Bilder in den Zimmern von Generälen und Obersten zu hangen haben und ob Grünpflanzen erlaubt sind“.

Das führte verständlicherweise zum Frust. „Vor allem die Ungarn, aber auch die Kubaner, waren der Meinung, sie würden hier nur abgeschöpft über die Entwicklung in der Heimat, die Sowjets selbst rückten jedoch nicht mit einer einzigen Information heraus. Dagegen wollten wir uns wehren“, erinnert sich Müller. „Ich suchte meinen ungarischen Kollegen auf, und wir trafen uns in der ungarischen Handelsvertretung auf dem Dachgarten im Freien, um darüber zu sprechen. Eine Woche spater war ich bei .meinem Betreuer in der 3. Hauptverwaltung des KGB. Der war schon über mein Treffen informiert, wollte wissen, worum es gegangen sei.“

Die „Freunde“ wurden standig überwacht

Die sowjetische Seite sah derartige Direktkontakte zwischen den Abwehrleuten der Warschauer Vertrags-Staaten gar nicht gern. Konnte man wissen, was sie im Schilde führten? „Wir wurden deshalb überwacht. Das KGB kannte jeden unserer Schritte. Wir wußten auch, daß unsere Partner große Ohren haben und daß sie Briefe lesen wie die Weltmeister. Für den Verkehr mit Berlin hatten der Militärattache und ich Telefone mit Hochfrequenztechnik, die abhörsicher waren.“

Ein beliebter Treff der Abwehrleute aus den damals noch befreundeten Ländern war das Haupttelegrafenamt in der Gorkistraße, der heutigen Twerer Straße. „Da hat man sich dann mit seinem Kollegen an eines der Schreibpulte gestellt und gewispert. Uns fiel natürlich

auf, daß es immer wieder die gleichen Kunden waren, die ihre Formulare ganz langsam ausfüllten. Als ich dann eine konspirative Wohnung hatte, kamen während der Treffs immer wieder obskure Techniker und Haushandwerker, die partout in die Wohnung wollten.“

Das KGB wollte alles von und über die „Verbündeten“ wissen, wahrend es selbst zu schweigen vorzog. „Über den Abschuß der südkoreanischen Maschine im September 1983 über Sachalin habe ich nur aus dem Rundfunk erfahren. Nachfragen im Komitee blieben zwecklos. Ebenso, als Kreml-Flieger Rust die Welt in Aufregung versetzte: Ich versuchte, die 3. Hauptabteilung anzurufen. Niemand ging ans Telefon, tagelang. Und wenn ich niemanden erreichen konnte, war keine Verabredung möglich. Einfach hinfahren? Da wäre ich am Posten gescheitert.“ Das KGB-Hauptquartier an der Lub- janka war auch für „Verbündete“ eme unzugängliche Festung.

Auf einer Konferenz aller Militär- abwehrorgane des Warschauer Vertrages im März 1989 in Moskau wollte man mehr Gleichberechtigung durchsetzen. Durch die nachfolgende Entwicklung wurde daraus nichts mehr. Niemand ahnte damals, daß dies ein Treffen fünf Minuten vor zwölf war. „Von Endzeitstimmung war da nichts zu spüren“, erinnert sich der ehemalige Major.

General Dietze wollte die Ungarn nicht sehen

Doch schon damals waren die Beziehungen von sehr unterschiedlicher Qualität. Die DDR-Abordnung unter General Dietze, Chef der Hauptabteilung I, beispielsweise „wollte die Ungarn nicht sehen“. Mit Polen und Tschechen gab es dagegen engere Kontakte, wobei auch da festgelegt wurde, „was sagen wir denen, und was sagen wir ihnen nicht. Innenpolitische Themen waren in jedem Falle tabu“.

Das gegenseitige Mißtrauen wurde großgeschrieben: Ende der 80er Jahre setzte die westliche Seite hochempfindliche Elektronik in der Nähe von Flughafen und Raketenstellungen ein, die Funkleitfrequen- zen der Raketen, die Bewegung der Militärflugzeuge, ihre Charakteri- stika, erfaßte, speicherte und zu bestimmten Zeiten an überfliegende Satelliten sendete. Auf der Konferenz wurde darüber diskutiert, wie man dagegen vorgehen sollte. „Als die sowjetische Seite vorschlug, mit ihren Flugzeugen und ihrer Technik das gesamte Territorium des Warschauer Vertrages zu erkunden, sperrten sich die anderen. Es war zweifelhaft, wie man an die Erkenntnisse der Sowjets gelangen könnte.“

Angesichts dieses alles durchdringenden Mißtrauens ist es nicht verwunderlich: Auch Müller gerät bei seinen Genossen daheim ins Zwielicht. Nach einer nächtlichen Diskussion mit einem Vorgesetzten schreibt der zu Hause einen „Aktenvermerk“: „Perestroikaverseucht“. Das galt damals als böser Vorwurf, der nur allzu schnell Abberufung und disziplinarische Konsequenzen zur Folge haben konnte. Die Wende kam dazwischen, Müller wendete sich mit und verkauft heute Sicherheitstechnik.

März 1989: Der damalige KQB-Chef Kriu tschkow (links) überreicht In Moskau dem Leiter der Hauptabteilung I des MfS (Mi- Iltttrische Abwehr), Generalmajor Manfred Dietze, für gute Zusammenarbeit einen Orden.

Foto. Berliner Zeitung

Berliner Zeitung, Do. 18. März 1993
Jahrgang 49 / Ausgabe 65 / Seite 3